Nele Peye

A.P.L.: Wir verkaufen 89 Art Prints Deines Motivs “You must become who you are” aus Deiner Serie “Movement” - angelehnt an das zentrale Lebensmotto des Philosophen Friedrich Nietzsche “Werde, der Du bist”. Verstehst Du das Motiv auch als Aufruf zur Selbstverwirklichung bzw. Entdeckung des eigenen Potentials? Wie würdest Du das Motiv jemanden beschreiben, der es nicht kennt oder gesehen hat?

Nele: Im Kern thematisiert das Bild die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich: das Erkennen und Annehmen dessen, was uns ausmacht, und die Möglichkeit, diese Identität nach außen sichtbar werden zu lassen. Häufig verfolgen wir Idealbilder, die nicht zu unserem Charakter passen und uns selbst dann nicht erfüllen, wenn wir sie erreichen. Ebenso kommt es vor, dass wir Teile unserer Persönlichkeit verbergen, aus Angst vor gesellschaftlicher Ablehnung.

Die Darstellung zeigt eine Frau in einem orangefarbenen Rock und einer Korsage über einer weißen Bluse, in einer dynamischen Haltung. Ihr blaues, langes Haar und ihr gelassener Ausdruck vermitteln den Eindruck innerer Ausgeglichenheit. Die Figur kann als Symbol für unterschiedliche persönliche oder gesellschaftliche Befreiungsprozesse gelesen werden – sei es die Zelebrierung einer neuen Lebensidentität, die Anerkennung der eigenen queeren Verortung oder die Loslösung von äußeren Erwartungen. Der Betrachter ist eingeladen, diese Deutung für sich zu entwickeln: Das „Der du bist“ entfaltet sich individuell und spiegelt die persönliche Perspektive jedes Einzelnen.

“You must become who you are” from Movement Series

A.P.L.: Ein zentrales Thema in Deiner Kunst ist auch die Chancengleichheit. Indem Du z.B. erfolgreiche Frauen portraitierst, inspirierst und motivierst Du BetrachterInnen ihre eigenen Talente zu erforschen. Wie viel “autobiographisches” steckt in Deinen Werken?

Nele: Bei meiner intensiven inhaltlichen Auseinandersetzung mit Kunst ist mir immer wieder aufgefallen, dass Frauen in der Kunstgeschichte häufig nicht als eigenständige Persönlichkeiten, sondern eher als Musen oder Projektionsflächen erscheinen. Das empfinde ich fast schon als persönliche Herabsetzung.

Schon früh wurde ich mit gesellschaftlich gewachsenen Rollenbildern konfrontiert – mit Strukturen, die oft unbewusst weitergegeben werden und tief im kulturellen Selbstverständnis verankert sind. Diese Strukturen zeigen sich im individuellen Verhalten der Menschen, leider auch von denen, die selbst von ihnen betroffen sind, und sie zeigen sich auch in unseren Darstellungen. 

Mit meiner Arbeit möchte ich einen anderen Blick ermöglichen und solchen Strukturen etwas entgegensetzen. Deshalb habe ich mich entschieden, Frauenpersönlichkeiten zu porträtieren, die sich für eine gerechtere und offenere Gesellschaft eingesetzt haben – historische wie auch zeitgenössische Figuren. 

“Einen anderen Blick ermöglichen”

In Between Us

(Acrylic on Canvas,120 x 80 cm, 2025) aus der aktuellen Serie Movement

Nele Pye

A.P.L.: Da wir große Fans von Farben, Formen und Design sind, haben wir schnell Zugang zu Deiner Kunst gefunden. Kannst Du uns etwas über den digitalen Arbeitsprozess verraten, bevor Du Deine Bilder mit Acryl auf die Leinwand bringst?

Nele: Ich arbeite mit Fotovorlagen aus Magazinen, Internet Recherchen oder Social Media, die ich dann collagenhaft zusammensetze. Diese Collagen sind die Grundlage für meine Skizzen, die ich digital erstelle. Diese Skizzen lasse ich dann farbecht drucken, um im Malprozess später die richtigen Farbtöne zu treffen. Die Farbnuancen sind bei meinen Arbeiten extrem wichtig. Liege ich nur eine Farbnuance daneben, wirkt die ganze Arbeit für mich nicht mehr. Jede Farbe wird individuell angemischt und konserviert, so dass ich später Korrekturen schneller umsetzen kann. Somit habe ich eine riesige “Farbbank” aller Farben, die ich je auf die Leinwand gebracht habe. 

Atelier

A.P.L.: Auf was dürfen wir uns noch freuen von Dir? Was sind Deine Pläne, gerne auch Träume?

Nele: Ich arbeite zurzeit an einem neuen Projekt, das eine Fusion aus Malerei und Videokunst sein wird. Außerdem werde ich mit anderen Formen außerhalb der rechteckigen Leinwand experimentieren. Für Künstler ist die Fähigkeit, etwas vollkommen Neues zu schaffen, wahrscheinlich der wichtigste Faktor, um gesehen und anerkannt zu werden. “Neues zu schaffen” erfordert eine hohe Experimentierfreude und Frustrationstoleranz, denn viele Versuche scheitern, bis am Ende etwas wirklich Neues entsteht, das aber trotzdem in der Gegenwart verstanden wird. 

Stillleben

A.P.L.: Die Fragen der Fragen: Was hast Du mal gesammelt, was sammelst Du aktuell und was willst Du irgendwann mal sammeln?

Nele: Ich sammle natürlich Kunst von anderen Künstlern, die mich inspirieren und die auch meine Arbeit beeinflusst haben. Damit habe ich schon in meinen 20ern begonnen. In meiner Sammlung befinden sich Arbeiten von großen Namen, aber auch von aufstrebenden Streetart Künstlern. Die Sammlung umfasst aktuell “nur” 9 Arbeiten, weil ich den Anspruch an mich habe, die Werke auch zu zeigen, um ihnen Sichtbarkeit zu geben, statt sie in einem Depot zu lagern. Ich möchte mich auch nicht mit zu viel "Ballast" belasten und wähle deshalb sehr bewusst aus, welche Arbeiten ich ankaufe. Aber es sind noch einige Künstler auf meiner Wunschliste, von denen ich noch keine Arbeit habe und die ganz sicher in den nächsten Jahren noch dazu kommen werden. 

Selbst Kunst zu sammeln gibt einem Künstler auch wertvolle Einblicke in die Art und Weise, wie Kunstsammler eine Entscheidung für einen Ankauf treffen, wie lange sie - teilweise über Jahrzehnte hinweg - einen Künstler und sein Schaffen beobachten, bevor sie eine Arbeit kaufen und wie emotional verbunden sich ein Sammler mit dem Werk eines Künstlers fühlen kann. 

A.P.L.: Jetzt wäre ich natürlich neugierig, wie Deine Wunschliste aussieht. Aber das können wir ja das nächste mal besprechen.

Lieben Dank für das Gespräch

www.nelepye.com


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