Enrico & Federico Pedrotti
A.P.L.: Du verwaltest den Fotografie-Nachlass Deines berühmten Großvaters, Du hast im Fotostudio Deines nicht weniger bekannten Vaters Fotografieren gelernt, Du hast einen Abschluss als Maestro d’Arte am Staatlichen Institut für Kunst in Trient und arbeitest bereits seit 1998 als selbständiger Fotograf in München. Hört sich nach einer perfekten Foto-Karriere an?
Federico: Irgendwie schon, ja…vor allem, das Glück zu haben, eine Leidenschaft zum Beruf machen zu können. Ich darf eine Tradition weiterführen und versuche diese behutsam an zeitgenössische Standards anzupassen. Ich denke, dass Qualität zeitlos ist. Daher experimentiere ich auch weiterhin mit der analogen Fotografie und forsche in diesem Bereich kontinuierlich weiter.
Portrait des berühmten Italienischen Liedermachers Gianmaria Testa - von Federico Pedrotti
A.P.L.: Wir sind extrem glücklich darüber, gleich zum Launch von 89 Art Prints mit 4 Werken Deines Großvaters Enrico Pedrotti starten zu dürfen. Drei der Werke werden auch der damals sehr avantgardistischen Futurismo Strömung zugerechnet. Was hat es damit auf sich?
Federico: Mein Großvater war ein Visionär. In Italien galt er in den 1930er- Jahren als einer der frühen Protagonisten der sogenannten „High-Key“- Fotografie (eine bewusste Dominanz von Weißtönen, auch als „Lichtflut“ bezeichnet) die er konsequent für seine Portraits einsetzte. Obwohl wir uns alle in der Familie stets auch als handwerklich arbeitende Dienstleister verstanden haben, fand er mit seiner neugierigen, experimentellen Herangehensweise an die Fotografie früh Anerkennung und Austausch mit u.A. Künstlern der damaligen Futurismus-Bewegung. Ein herausragendes Beispiel ist seine Zusammenarbeit mit dem Maler Fortunato Depero. Daraus entstand eine Serie von Fotografien und Fotocollagen, die bis heute in bedeutenden Ausstellungen und Sammlungen vertreten ist.
Enrico Pedrotti (1905 - 1965)
A.P.L.: Du hast uns in München die beeindruckende Studio-Kamera Deines Großvaters aus den 30ger Jahren gezeigt. Was fasziniert Dich an der Kamera und den Objektiven und was fasziniert Dich generell an analogem Fotografie Handwerk?
Federico: Die Kamera ist ein Meisterwerk an Handwerkskunst. Soweit ich weiß, wurden 1937 lediglich sieben Exemplare gebaut. Wie viele davon heute noch existieren - oder gar funktionstüchtig sind -, kann ich nicht sagen. Die zugehörigen Objektive sind sogar noch älter. Jede Veredelung zeugt von außergewöhnlicher Präzision und Liebe fürs Detail. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich die Kamera von Italien nach München geholt. Sobald ich mit ihr technisch und gestalterisch vollkommen vertraut bin, möchte ich beginnen, Portraits nach heutigen Maßstäben in Bezug auf Bildsprache und Lichtführung zu realisieren. Dafür werde ich eine geeignete Entwicklungsrezeptur erarbeiten, um optimale Ergebnisse für die entstehenden Negative zu erzielen. Für mich bedeutet Handwerk, Wissen präzise auf individuelle Anforderungen anwenden zu können.
Original Studio-Kamera von 1937. Heute im Besitz des Enkels Federico in München.
A.P.L.: Das Italienische Fernsehen hat eine beeindruckende Dokumentation über die Künstlerfamilie Pedrotti gemacht, die wir hier gerne auf Deutsch verlinken. Wenn Du nur ein Adjektiv für Deinen Vater, Großvater und Dich verwenden dürftest. Was wäre das jeweilige Adjektiv?
Federico: Für meinen Großvater, der sich mit so viel Leidenschaft und Experimentierfreude der Fotografie widmete, passt „innovativ“ zweifellos am besten. Die Anforderungen meines Vaters lagen, neben seiner Beschäftigung mit Theaterfotografie, vor allem in handwerklichen Auftragsarbeiten, also doch eher „technisch“ als bezeichnendes Adjektiv. Ich hingegen sehe meine Bestimmung in der Bewahrung der Arbeitsqualität, die den Weg unserer Familie maßgeblich ausgezeichnet hat und mich der spannenden Aufgabe zu widmen stetig Neue Perspektiven zu erforschen und weiterzuentwickeln. Dann „wissbegierig“.
Das Fotostudio der Pedrottis in Bozen in den 30er Jahren.
A.P.L.: Auf was dürfen wir uns noch freuen von Dir? Was sind Deine Pläne, gerne auch Träume?
Federico: Mein derzeit größter Traum ist es tatsächlich, bald soweit zu sein, mit der Portraitkamera meines Großvaters eigenständige und zeitgemäße Arbeiten zu realisieren. Ich glaube, meine Vorfahren würden sich darüber sehr freuen.
480 mm Voigtländer Objektiv
A.P.L.: Auf welche Frage hast Du noch gewartet?
Federico: Ich fand die Fragen sehr anregend. Eine Frage jedoch, die mich selbst immer wieder beschäftigt lautet: Wie wird es weitergehen angesichts dieser rasanten Digitalisierung und der Flut künstlich generierter Bilder und Inhalte?
A.P.L.: Und, was sagst Du?
Federico: Der Unterschied zwischen Authentischem und Generiertem ist zunehmend schwer zu erkennen. Verlieren wir dabei den Überblick? Und wo bleibt die Glaubwürdigkeit der Fotografie? Gerade deshalb sehe ich einen starken Impuls, wieder verstärkt auf analoge Verfahren zu setzten- nicht aus Nostalgie, sondern wegen Ihrer materiellen Nachvollziehbarkeit und physischen Evidenz. Natürlich können Kosten und Produktionszeiten nicht mit digitalen Prozessen konkurrieren. Doch diese Entschleunigung ist Teil ihres Wertes. Analoge Fotografie ist etwas Exklusives - hoffentlich nicht nur für Sammler oder Nostalgiker.
Portrait eines Soldaten (ca. 1938) mit innovativer “Lichtflut” oder “High-Key” Methode.
A.P.L.: Die Fragen der Fragen: Was hast Du mal gesammelt, was sammelst Du aktuell und was willst Du irgendwann mal sammeln?
Federico: Früher habe ich alles Mögliche gesammelt- von Briefmarken bis hin zu alten Postkarten mit Schwarzweiß Landschaften oder humorvollen Zitate. Nach meinem letzen Umzug musste ich mich aus Platzgründen von Einigem trennen. Als Liebhaber analoger Welten schätze ich jedoch weiterhin physische Bücher, Fotobände und Vinylplatten - ebenso wie CDs. Mir ist es wichtig zu wissen, wer auf einer Aufnahme beteiligt war, Liedertexte nachlesen zu können und das begleitende Bildmaterial in Händen zu halten. Diese haptische und kontextuelle Erfahrung geht beim reinen Streaming weitgehend verloren. Und unabhängig davon, wie klein meine nächste Wohnsituation sein mag- auf meine Bücher- und Musiksammlung werde ich nicht verzichten.
A.P.L.: Wir möchten nicht auf Dich verzichten. Deshalb werden wir nach den Art Prints von Enrico mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch Angebote von Federico anbieten. Stay Tuned!
Lieben Dank für das Gespräch